Donnerstag, 13. Dezember 2007

Analyse und Interpretation eines Textauszuges aus der Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller.

Der Schweizer Gottfried Keller war ein Meister der Novelle, deren künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten ihn reizten. Der Erzähler konnte auf überschaubarem Raum die Aufmerksamkeit des Lesers auf einen bestimmten Punkt richten, während ihm der Roman wie eine nicht enden wollende Kette vorkam, an die der Autor immer neue Perlen knüpfen konnte, ohne das wirkliche Ende selbst vor Augen zu haben. Keller benutzt in seinen Werken Mittel der Ironie, Komik, sowie der Parodie. In dem berühmten Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“ entstand die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, die 1857 als Einzelausgabe erschien. Das Buch ist keine träge Nacherzählung des im Titel genannten Stoffes, sondern bezieht sich auf eine Begebenheit, die der Autor zu Beginn erläutert. Handlungsort des Geschehens ist die fiktive Stadt Seldwyla und deren Umgebung.
Das Werk handelt von Sali und Vrenchen, sowie ihren Vätern, die darüber hinaus Brüder sind. Die Väter sind Bauern, die ihre eigenen Felder bebauen und sich einmal jährlich, im Herbst, von dem, zwischen ihrem gelegenen, Acker ein Stück abnehmen. Nachdem einer der beiden auf einer Auktion den Zuschlag für dieses Land bekommen hat entwickelt sich ein Streit, der das auseinander-Treiben der Familie zur Folge hat. Die Kinder entdecken ihre Liebe füreinander. Diese ist jedoch verboten, doch Sali und Vrenchen suchen einen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation. Marti, Vrenchens Vater, entdeckt das Paar und will seiner Tochter eine Tracht Prügel geben. Sali verhindert dies indem er Marti mit einem Stein niederschlägt. Als Resultat ist dieser dann geistig verwirrt und wird in eine Anstalt eingewiesen. Vrenchen verlässt zusammen mit Sali ihren Heimatort um einen Abend lang zu Tanzen. Auf einem Fest werden sie durch die Heimatlosen verheiratet und suchen sich einige Zeit später einen geeigneten Ort um dem Leben gemeinsam zu entsagen. Dies tun sie, da ihre junge Liebe keine Zukunft hat.
Der zu analysierende Textausschnitt umfasst das Ende der Novelle und handelt von dem Tod Sali und Vrenchens, die ihre Hochzeitsnacht auf einem Heuboot zelebrieren wollen und letzten Endes von diesem in den Freitod gehen um der hoffnungslosen Beziehung zueinander zu entfliehen. Durch den Auszug werden dem Leser die letzten Momente der Verliebten dar gebracht, die mit einem Zeitungsartikel, welcher über die um sich greifende Entsittlichung spricht, ins Lächerliche gezogen werden. Schon die erste Replik Vrenchens „Meine Blumen gehen mir voraus [...] sieh, sie sind ganz dahin und verwelkt!“ (S. 62; Z.13f.) beinhaltet sowohl eine Vorausdeutung auf den sich bald vollziehenden Freitod des jungen Ehepaares, als auch die bevorstehende Defloration Vrenchens auf dem selbst gewählten Brautbett. Die Blüte des Lebens und der Jungfräulichkeit sind verwelkt, ihr Ende beschlossen. Vrenchen hat im Laufe des Werkes eine Metamorphose durchlaufen, die sich darin äußert, dass „[sie Sali] so heftig ungebärdig [liebkoste] und zappelte wie ein Fisch“ (S. 62; Z. 31f.), was sie zu Anfang nicht getan hätte, da sie in solchen Dingen eher zurückhaltend war. Sali und die Geschehnisse sind also ausschlaggebend für Vrenchens Verwandlung von einem Mädchen zu einer Frau. Vrenchen war auch die treibende Kraft, die den Freitod wollte, da sie „[ebenfalls] das kühle Wasser versuchen [will]“ (S. 62; Z. 34f.), welches sie bald umgeben wird. In der Rückblende „Weißt du noch, wie kalt und nass unsere Hände waren, als wir sie uns zum ersten Mal gaben?“(S. 62; Z. 35f.) ist erkennbar, dass für die beiden das gemeinsame Leben dort aufhört, wo es begonnen hat, im Wasser. Sie werden die Gestalt der Menschen ablegen und die der Fische annehmen „[...] jetzt werden wir selber Fische sein und zwei schöne große!“ (S. 62; Z. 37). Als Fische im Wasser sind sie frei und müssen ihr Leben nicht als Heimatlose fristen, welche von der Dorfgemeinde ausgestoßen sind. Sie möchten lieber tot, als heimatlos oder unglücklich in ihrer Trennung, sein. Sie entscheiden sich für den Liebestod. Das Contradictio in adiecto „lieber Teufel“ (S. 62; Z. 38) zeigt den Widerspruch auf, der in Sali und Vrenchen besteht. Sali liebt Vrenchen und begehrt sie. Sie ist sein Engel und doch und doch tobt sie so sehr, dass es Sali fast in das Wasser zieht. Des Weiteren hat sie als „Teufel“ den Plan des Freitodes gefasst, den Sali ebenfalls möchte. An diesem Zitat wird also deutlich, dass Vrenchen ein liebes und doch sehr dominantes Wesen ist. Das Heuboot das zum Brautbett wurde treibt den Fluss entlang, vorbei an „dunklen Wäldern“ (S.63; Z.3), durch „offenes Land“ (S.63;Z.4), und „stillen Dörfern“ (S.63;Z.4). Die Personifizierung „schlafende[s] Ufer“ (S.63;Z.7) zeigt, dass alles um das Boot herum still ist und niemand da ist, der sie sieht. Darüber hinaus deutet eine weitere Personifizierung die „[aufsteigende] Morgenröte“ (S.63;Z.8) darauf hin, dass das junge Paar die ganze Nacht miteinander verlebt hat. Die letzten Lebensmomente werden zum Einen mit Neologismen „silbergraue[ ] Strom[ ]“ (S.63;Z.9), als auch mit Vergleichen „rot wie Gold“ (S.63;Z.10) und Attributen „glänzende Bahn“ (S.63;Z.10) begleitet. Ihre Liebe überdauert also noch immer und endet im Herbst, der Ausgang des Streits der Väter war. Das Paar glitt letzten Endes von den „dunklen Massen herunter“ (S.63;Z.14) und ließ sich in „die kalten Fluten“ (S.63;Z.14) sinken. Der Gegensatz der Wortwahl kurz vor dem Tod und während des Hinabgleitens zeigt also, dass die Liebe nicht im Tod zu suchen ist, sondern im Leben und auf Erden. Der Freitod war für Sali und Vrenchen die einzige Möglichkeit zusammen zu sein, doch gerettet hat er sie nicht. Der anschließende Zeitungsartikel berichtet über das Ereignis an sich. Jedoch negiert er die Zuneigung Sali und Vrenchens zu einander und bezeichnet sie als „Zeichen[ ] der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaften“ (S.63;Z.27f.). Der Titel der Novelle lässt auf den „Romeo und Julia Stoff“ schließen. Beide Paare durften ihre Liebe zueinander nicht ausleben. In Kellers Werk ist es der Freitod, für den sich das junge Ehepaar entscheidet. Bei Shakespeare jedoch beruht der Tod auf einer Akkumulation von Zufällen. Für Sali und Vrenchen ist der Tod ohne die Liebe ebenso wenig akzeptabel wie die Liebe ohne den Tod. Im Großen und Ganzen besteht die Intention Kellers in dem Werk darin, nicht den Tod als Rettung herbei zu sehnen, sondern auf Erden das Beste aus der Liebe zu machen.




Anika Lorenz

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